Zur Navigation springen | Zum Inhalt springen
 
 

dossier / Das Siechenhaus

Das Siechenhaus

Über 700 Menschen haben – gleichzeitig – in der Kartause gelebt, nachdem sie zum „Versorgungshaus“ gemacht worden war. Es war eine sehr gemischte Anstalt: Alte, Arme, Gebrechliche, geistig behinderte Menschen, darunter auch Kinder, Alkoholkranke, ein paar Kleinkriminelle.

Um sie unterzubringen, wurde umgebaut. Oder eher eingebaut: der Kreuzgang bekam Zwischenwände, die Kirche eingezogene Decken, jeder Quadratmeter Raum wurde genutzt. Für Schlafräume und Krankenzimmer. Gemeinschaftsräume wurden spät, erst im 19. Jahrhundert, eingerichtet. Die Ideale der Aufklärung, top-down, also vom Kaiser ins Volk, implantiert, sorgten für Entscheidungsmöglichkeiten im straff organisierten Alltag: die Kranken und Armen bekamen Grundverpflegung und Geld, konnten sich auch durch Arbeit in und an der Gemeinschaft geringe Summen dazuverdienen, und eine Lebensmittelgrundversorgung: den Rest der Verpflegung sollten sie sich selbst, nach eigenem Gutdünken, beim Anstaltskrämer besorgen können.
Als zu viele der Insassen diese Freiheit in eigenem Sinne nutzten, indem sie ihre Zeit zum Betteln und ihr Geld für Branntwein einsetzten, beschränkten die liberalen Behörden die Kaufkraft der Währung: sie erfanden eigenes Mauerbach-Geld. Münzen, die nur in der Anstalt Wert besassen.
Betreut wurden die Menschen in der Kartause von einem Arzt (später waren es zwei) und einem Seelsorger. Die notwendige Pflege sollten die „Pfründner“ einander selbst leisten. Der Bauzustand der Kartause tat ein Übriges: von einem Hochwasser rührender Schlamm war nicht beseitigt worden, die Fußböden verfaulten, die Räume waren feucht. Geldmittel gab es aber nur im allergeringst möglichen Ausmaß, saniert wurde kaum, geheizt nicht viel mehr. Die Kartause blieb Armen- und Siechenhaus bis ins 20. Jahrhundert. Im Nationalsozialismus wurden auch aus Mauerbach Geisteskranke zur Tötung abgeholt; nach 1945 war Mauerbach, in nicht wesentlich geändert ruinösem Zustand, Obdachlosenasyl, bis die Anstalt 1960 endlich geschlossen wurde. Einen Eindruck davon, was es geheissen haben mag, in einem der Krankensäle der Kartause zu sterben, konnte man noch bis in die 90er Jahre des 20. Jahrhunderts in der Brüderkirche gewinnen: Ganz oben, unter dem Dach, war eine Zwischendecke eingezogen, die Betten müssen neben und zwischen den aus dieser Perspektive riesigen Stuckmönchen gestanden haben, ein Fiebertraum auch für Gesunde.

Druckersymbol Druckversion