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dossier / Kartause Mauerbach: Die Mönche

Kartause Mauerbach: Die Mönche

Im Sommer 1782 hatten die letzten Kartäuser Mauerbach verlassen. Mehrere Möglichkeiten hatten ihnen offengestanden: sie konnten auswandern, in eine Kartause in einem anderen Land, oder den Orden wechseln, sie konnten Weltpriester werden oder sich, wenn sie ihre Profess noch nicht erhalten hatten, auch laisieren lassen.

Für die Alten, Gebrechlichen, für diejenigen, denen ein solcher Wechsel nicht zugemutet werden konnte, stand ein Sammelkloster bereit. Die 10.000 Bände der Klosterbibliothek wanderten in die spätere National- und in die Universitätsbibliothek, Versteigerungen von Klosterinventar fanden statt, der Streubesitz, aus dem die Kartause sich (schlecht und recht, gegen Ende zu) erhalten hatte, ging an den von Kaiser Josef gegründeten Religionfonds über. Zuletzt verließ der Stifter das Haus. Die Gebeine Herzog Friedrich des Schönen und seiner Tochter wurden exhumiert und nach Wien verbracht - sie ruhen heute im Stefansdom. Über 400 Jahre der vita contemplativa in Mauerbach waren zu Ende.

Leben in der Stille

Der Orden der Kartäuser schaffte - durch seine Gründung - Ordnung: waren im frühen Mittelalter die Eremiten, Einsiedler, Säulenheiligen noch aus einer sehr engen Gemeinschaft in die Wildnis geflüchtet, um dort nur nach ihrem Gesetz (und ihrer Auslegung des Glaubens) zu leben, so unterlagen die kontemplativen Orden strengen Regeln und waren in eine straffe Hierarchie eingebunden (so waren etwa alle Baupläne von Kartausen durch den Prior der Grande Chartreuse, benannt nach dem Tal in der Nähe Grenobles, in dem der Orden gegründet wurde, zu genehmigen). Daraus ergaben sich, von Anfang an, Widersprüche und Spannungen, deren Auswirkungen sich aus vielen Visitationsberichten lesen lassen. Die Kartäuser sollten in absoluter Stille und Einsamkeit die unio mystica suchen, in religiöser Betrachtung versunken der Welt um sie verloren bleiben. Die ökonomische Autarkie der Kartausen war aber nur durch Bewirtschaftung von Landbesitz zu erreichen: also lebten Laien in den Kartausen, Arbeiter. Es wurde produziert (landwirtschaftliche Erzeugnisse) und Handel getrieben. Zudem war die Gründung einer Kartause eine kostspielige Angelegenheit, es bedurfte eines Stifters oder einer stiftenden Familie, die ihrerseits Interessen mit ihren Donationen verbanden: das ständige Gebet für ihre Seelen, das die Kartäuser zusicherten, war eine wichtige, vielleicht aber nicht die einzige Motivation. Selten ganz erfüllt wurde etwa der Wunsch der Kartäuser nach möglichst abgelegenen Orten für ihr Leben.
Mauerbach war, seit seiner Gründung 1314, mit den Habsburgern verbunden, und das hatte Auswirkungen auf das Leben der Mönche. Es gab Begehrlichkeiten. Und es gab Kriege: im 15. und 16. Jahrhundert wurde das Kloster immer wieder geplündert, von Herzog Albrecht, von den Ungarn, zwei Mal von den Türken - von der mittelalterlichen Bausubstanz ist nicht mehr viel erhalten, aber auch der barocke Wiederaufbau wurde durch einen Raubzug behindert (das waren die Böhmen, unterstützt von protestantischen Bauern).
Im 17. Jahrhundert war der Angriff auf das kartäusische Leben als Ehrung getarnt: 1670 ernannte Leopold I den Prior zum Prälaten, damit war er zum Einen nur mehr durch den Kaiser absetzbar - ein Übergriff auf die Ordensautonomie - zum Zweiten aber höchst beschäftigt mit eben den weltlichen Belangen, die Kartäuser fliehen sollten: er nahm an den Landtagen teil, er reiste, viel Zeit hat er in Mauerbach, in der Stille, nicht mehr verbracht.

Beten, schreiben, gärtnern und singen

Die Zellen in Mauerbach ähneln eher Appartements, kleinen Häuschen, die, um den Kreuzgang angeordnet und jedes mit einem eigenen einst umfriedeten Gärtchen versehen, durchaus komfortabel wirken. Sie bestehen aus drei Räumen: einem Vorraum für handwerkliche Tätigkeiten, einem Raum für das Gebet und einem zur Ruhe. Hier verbrachten die Mönche den Großteil ihrer Zeit, in Kontemplation und Gebet, lesend und studierend und: abschreibend (jeder Mönch hatte sein eigenes Schreibpult), Breviere und ähnliche religiöse Gebrauchsliteratur produzierend. Aber auch Buchbinden und Holzschnitzen gehörten zur tätigen Buße. Das alles: schweigend. Gebrochen wurde diese Stille, die besonders in den - wenigen - Gemeinschaftsräumen galt, durch die Messen (3 am Tag), die geistlichen Gesänge. Dieses Singen in der Brüderkirche (sie ist durch einen Kreuzganglettner unterteilt, um die Brüder von den Laien zu trennen) war wichtiger Teil der Liturgie, präsumptive Kartäuser wurden beim Eintritt in das Kloster nach ihren diesbezüglichen Fähigkeiten befragt, gleichzeitig zeigt sich auch hier die Suche nach Einfachheit und Strenge: Hymnen wurden nicht gesungen, es gibt in Kartäuserkirchen auch keine Orgel. Nur die Stimmen, zum Lob Gottes erhoben, in monastischer Kargheit.
Der Tagesablauf der Mönche war striktest reglementiert. Mit Eintritt in den Orden legten sie ein lebenslang gültiges Schweigegelübde ab. Sie verließen ihre Zellen nur zu den dreimal täglich stattfindenden Gottesdiensten sowie an Sonn- und Feiertagen zum Kapitel und dem gemeinsamen Mahl im Refektorium. Die täglichen Mahlzeiten erhielt der Zellenmönch durch die Essensdurchreiche.

Tagesablauf eines Zellenmönchs

23.30 Aufstehen, Vigilie, Gebet in der Zelle
0.15 Mette in der Kirche
3:00 Laudes, Schlaf
7:00 Prim in der Zelle, inneres Gebet
8:00 Konventmesse, in der Kirche
10:00 Terz in der Zelle
Studium, Handarbeit (Bücherkopieren)
12:00 Sext in der Zelle
Mittagessen, Rekreation
14:00 Non in der Zelle,
Studium, Handarbeit
16:00 Vesper in der Kirche,
Abendessen, Lesung, inneres Gebet
19:30 Komplet in der Zelle, Schlaf


Prim, Terz, Sext, Non, Vesper und Komplet heißen die Stundengebete, die den Tagesablauf gliedern.
Ein paar Hinweise auf Tendenzen, die dieser Strenge zuwiderlaufen, sind erhalten. Da sind zum einen die archäologischen Funde, aus denen hervorgeht, was, neben Fisch, allgemein als Fastenspeise galt: Schildkröten etwa, Mauerbach verfügte über einen Schildkrötengarten, aber auch Biber und Fischotter. Dann diverse Visitationsberichte, die den Brüdern eine gelegentlich durchaus orgiastische Auslegung der vita contemplativa unterstellen. Und nicht zuletzt die Geschehnisse um die Auflösung des Klosters durch Josef II, die befördert wurde durch Klagen von Kartäuserbrüdern, aus denen sich Zwistigkeiten der Brüder untereinander (schweigend?), Intrigen, Mißstände ablesen ließen.
Trotzdem bewahrt, mehr als 200 Jahre nach der Aufhebung des Klosters und durch sehr abweichende Nutzungen nicht zerstört, die Architektur der Kartause einen Zauber des Stillen, Weltabgewandten, der in den langen Gängen, in den Gärten, den Zellentrakten erfahrbar bleibt.

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